Ob fehlende Werkzeuge, unauffindbare Paletten oder umständliche Suchprozesse – in vielen Unternehmen fehlen präzise Echtzeit-Informationen darüber, wo sich Material und Betriebsmittel gerade befinden. Bestehende Indoor‑Lokalisierungssysteme sind oft teuer, kompliziert zu installieren und in typischen Industrieumgebungen mit Metallregalen, Maschinen und komplexen Hallenstrukturen störanfällig. Die Folge: Aufwendige Suchprozesse, fehlerhafte Bestände und unnötige Kosten in der Intralogistik – von der Warenannahme über das Lager bis in die Produktion.
„LocaSense“ setzt auf einen Ansatz, der bislang vor allem aus Tunneln und Bergwerken bekannt ist: sogenannte Leckwellenleiter. Das sind spezielle Antennenkabel, die entlang ihrer gesamten Länge Funkwellen abstrahlen und so eine gleichmäßige Funkabdeckung schaffen. Dieses Konzept wird nun erstmals systematisch auf Lager- und Industriehallen übertragen. „Die Leckwellenleiter werden beispielsweise in abgehängten Decken oder Kabelschächten verlegt und bilden damit eine Vielzahl von Antennenpunkte über die gesamte Hallenfläche“, erläutert Adam Kadad, einer der drei Gründer hinter „LocaSense“. Günstige, kleine Funketiketten (sogenannte UHF‑RFID‑Tags), die auf Behältern oder Paletten aufgeklebt werden, senden ihre Signale an eine Verarbeitungseinheit. „Aus den Antwortsignalen kann so die Position der Objekte mit einer Genauigkeit von etwa ein bis drei Metern bestimmt werden. Dadurch sinkt der Installations- und Wartungsaufwand deutlich, die Lösung ist skalierbar und wird damit auch für mittelständische Unternehmen wirtschaftlich attraktiv“, erzählt der junge Mann begeistert, der vor Kurzem seinen Bachelor in Betriebswirtschaft für kleine und mittlere Unternehmen an der Hochschule Aalen absolviert hat.
Die technische Machbarkeit haben Kadad und seine beiden „Gründungsmitstreiter“ Sara Seperovic und Zhang Qiang bereits nachgewiesen: In einem Laboraufbau konnte die Position von RFID‑Tags mit einer Genauigkeit von ein bis zwei Metern bestimmt werden. „Und mit Unterstützung der Abtsgmünder Stiftung Kessler + Co. für Bildung und Kultur haben wir einen Demonstrator entwickelt. In den kommenden Monaten möchten wir das System schrittweise zu einem marktfähigen Produkt weiterentwickeln und in einer realen Industrieumgebung mit 100 bis 200 Quadratmetern Hallenfläche testen“, sagt Qiang Zhang, der an der Hochschule Aalen im Bereich Machine Learning als Forschungsassistent arbeitet. „Inzwischen haben wir schon von einigen Firmen Anfragen, die an einer Zusammenarbeit interessiert sind“, freut sich Sara Seperovic, die in Sarajevo Elektrotechnik studierte hat und vor rund zwei Jahren für ein Auslandssemester an die Hochschule Aalen gekommen ist.
Entstanden ist die Idee von „LocaSense“ im Labor von Prof. Dr. Stephan Ludwig, der an der Fakultät Elektronik und Informatik lehrt. Als Professor für digitale Technologien forscht er im Bereich der Funkkommunikation und begleitet das Vorhaben als Mentor. Dass dieses nun durch das EXIST-Gründerstipendium gefördert wird, ist für ihn ein besonderer Erfolg: „LocaSense zeigt, welches Potenzial in den Köpfen unserer Studierenden und Mitarbeitenden steckt. Als Mentor freut es mich besonders, dass aus vielen Jahren Forschungsarbeit an der Schnittstelle von Funktechnik und Industrie nun ein Start-up entsteht, das die Digitalisierung der Fabrikhalle ganz konkret voranbringt.“
Das EXIST‑Gründerstipendium ist ein Förderprogramm des Bundes, das Studierende, Absolventinnen und Absolventen sowie Forschende beim Schritt in die eigene Unternehmensgründung unterstützt. Es finanziert für eine begrenzte Zeit Lebenshaltungskosten, Sachmittel und Coaching, damit aus einer vielversprechenden Geschäftsidee ein marktfähiges Start-up werden kann. Umgesetzt wird das neue Gründungsvorhaben im Innovationszentrum an der Hochschule Aalen (INNO-Z). „Mit LocaSense erreichen wir ein besonderes Etappenziel: Das zehnte EXIST‑Gründerstipendium zeigt, dass sich die Hochschule Aalen als starker Ort für Start-ups etabliert hat. Wir freuen uns, dass immer mehr Teams aus der Hochschule den Schritt in die Gründung wagen“, sagt INNO-Z-Geschäftsführer Dr. Andreas Ehrhardt.
Wagemut bringen Adam Kadad, Sara Seperovic und Qiang Zhang auf jeden Fall in rauen Mengen mit – haben sie doch jeweils den Schritt aus ihrer Heimat nach Deutschland gewagt, um sich hier ein neues Leben aufzubauen. Und ein bisschen Gründungserfahrung fließt in das neue Projekt auch schon mit ein. Denn nach seiner Flucht aus Syrien hat Adam Kadad ein kleines E-Commerce für Wanddekorationen gegründet, das er vor vier Jahren erfolgreich verkauft hat. „Diese Erfahrungen haben mich dazu motiviert, Betriebswirtschaft für kleine und mittlere Unternehmen in Aalen zu studieren. Die Selbständigkeit war schon immer mein Ziel“, sagt der 29-Jährige, der parallel zu „LocaSense“ beim Gründungscampus der Hochschule Aalen als Berater für das EXIST-Gründerstipendium arbeitet. Einen normalen „9-to-5-Job“, in dem man das ausführt, was andere vorgeben – das kann sich Kadad nicht vorstellen. Das eint ihn auch mit seinen Co-Gründern. „Was Eigenes auf die Beine zu stellen und dabei Neues zu erschaffen – das ist doch total motivierend!“, ist sich das LocaSense-Team einig.