28. April 2026

Wenn das Unvorstellbare eintritt: Seit mehr als 40 Jahren praxisnahe Ausbildung in der Radioaktivitätsprüfung

Im Isotopenlabor der Hochschule Aalen lebt ein Stück Zeitgeschichte weiter: Vor 40 Jahren – nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – wurden hier unzählige Lebensmittel- und Wasserproben aus dem gesamten Ostalbkreis auf Radioaktivität untersucht, um einer stark verunsicherten Bevölkerung Sicherheit zu geben. Heute ist das Labor nicht nur ein Symbol für Verantwortung und Vertrauen, sondern ein moderner Ausbildungsort. Hier lernen jedes Semester Studierende, mit hochsensiblen Messverfahren unsichtbare Gefahren sichtbar zu machen.

Der Chemie-Student Alexander Ehrlinspiel steht neben dem Gammaspektrometer im Isotopenlabor der Hochschule Aalen und hält eine Probe mit Gartenerde in der Hand. Daneben sind Laborleiter Dr. Wolfgang Schulz und Mitarbeiter Silvin Hippich zu sehen.

Als am 26. April 1986 das Unvorstellbare eintritt und im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl ein Reaktor explodiert, werden leichtflüchtige radioaktive Stoffe wie Jod-131 und Cäsium-137 über 1000 Meter hoch in die Erdatmosphäre geschleudert, während sich schwerflüchtige Stoffe wie Strontium und Plutonium in der Umgebung des Unglücksortes ablagerten. In den folgenden Tagen ziehen radioaktive Wolken über Europa hinweg. Als die Tschernobyl-Wolke Aalen erreicht, ist davon nichts zu sehen, zu schmecken oder zu riechen – die strahlende Fracht aus dem mehr als 1800 Kilometer entfernten Unglücksreaktor ist mit den Sinnen nicht wahrnehmbar. Sie kontaminiert das Grünfutter fürs Vieh, legt sich auf das Freilandgemüse, verseucht die Spielplätze.

„Niemand war auf eine Katastrophe dieses Ausmaßes vorbereitet.“

„Im ersten Moment war die enorme Tragweite gar nicht abzusehen. Doch als die empfindlichen Strahlenmessgeräte im Isotopenlabor gleich ansprangen, sind wir ziemlich nervös geworden“, erinnert sich Dr. Wolfgang Schulz, der seit mehr als 40 Jahren Lehrbeauftragter an der Hochschule Aalen ist und die damaligen Messaktionen während der Tschernobyl-Katastrophe leitete. „Das waren beängstigende Zeiten. Es gab für eine solche Situation keine Notfallpläne, niemand war auf eine Katastrophe dieses Ausmaßes vorbereitet. Die Menschen waren verständlicherweise sehr verunsichert. Plötzlich spielten unheimliche Fremdworte wie Becquerel, Millisievert und Cäsium eine große Rolle im täglichen Leben. Dass bei uns die entsprechende Messtechnik vorhanden war, war ein großer Glücksfall. Dadurch konnten wir sofort loslegen und erste Messungen vornehmen.“ Denn das Isotopenlabor wurde bereits Ende der 1960er Jahre eingerichtet. Mit Schwerpunkten in Metallveredelung, Werkstoffkunde und später Chemie bot sich der Einsatz von Isotopen zur Spurenanalytik, Materialprüfung und Prozessüberwachung an. Ab 1972 wurde den Studierenden dann auch der sichere Umgang mit radioaktiven Stoffen und modernen Messverfahren vermittelt.

100.000 Mark teurer Gammaspektrometer

„Das war eine gute Grundlage, sodass wir ´86 entsprechend reagieren konnten und auch gleich im engen Kontakt mit dem Landratsamt standen“, erzählt Schulz und fügt nicht ohne Stolz hinzu: „Die Hochschule – damals noch Fachhochschule – war für den Landkreis die erste Ansprechpartnerin.“ Denn auch in Ostwürttemberg stellten sich plötzlich ganz konkrete Fragen: Ist die Milch noch trinkbar? Das Gemüse und Obst noch unbedenklich? Kann ich mein Baby stillen? Um dem großen Informationsbedürfnis nachzukommen, leaste die Hochschule nur wenige Wochen nach dem schweren Reaktorunglück ein 100.000 Mark teures Gammaspektrometer. Mit diesem konnte sich sehr genau bestimmten lassen, welche radioaktiven Stoffe in einer Probe enthalten waren und in welcher Größenordnung.  Gegen eine Gebühr von 40 Mark konnten Normalverbraucher von dem Angebot Gebrauch machen. Das war für damalige Verhältnisse zwar kein Schnäppchen, aber im Vergleich zu offiziellen Messstellen wie beispielsweise dem TÜV noch günstig – stellten diese doch bis zu 150 Mark in Rechnung.

Besorgte Bürger aus dem ganzen Ostalbkreis

„Gleich am ersten Tag brachten besorgte Bürgerinnen und Bürger aus dem ganzen Landkreis, ja sogar aus Schwäbisch Hall und Backnang, Plastikbeutel voller Erde, Äpfel oder Johannisbeeren, um sie auf ihre Strahlung untersuchen zu lassen“, erinnert sich Silvin Hippich. Der chemisch-technische Assistent ist seit 1977 an der Hochschule tätig und war damals gemeinsam mit Schulz mit der Messung der unzähligen Radioaktivitätsproben betraut. Die beiden kamen in diesen Zeiten kaum noch aus dem Labor. Die Einmachzeit stand vor der Tür und bald darauf auch die Weihnachtszeit. In einer gemeinsamen Aktion mit einer Lokalzeitung gab es neben den regelmäßigen Milchmessungen auch eine Haselnuss- und Wild-Radioaktivitätsmessung, denn schließlich sollten strahlende Weihnachtsplätzchen oder ein strahlender Rehbraten nicht das Fest verderben. 

Ein Alleinstellungsmerkmal

„Die Hochschule hatte damit ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Schulz. Dabei streicht der groß gewachsene Mann, der – gemäß seinem Naturell als studierter Chemiker und Physiker sowie als promovierter Umweltwissenschaftler – sehr sachlich und nüchtern über diese Zeiten spricht, dem Gammaspektrometer fast behutsam übers Gehäuse. Denn das Gerät steht nach wie vor im Untergeschoss der Hochschule und verrichtet in der praktischen Ausbildung der Studierenden weiterhin seine treuen Dienste – 2018 wurde es technologisch angepasst. „Sozusagen ‚refurbished‘“, sagt Prof. Dr. Dirk Flottmann, Dekan der Chemie-Fakultät, und lacht herzlich. Nach dem Auslaufen des dreimonatigen Leasing-Vertrags konnte das Gammaspektrometer 1986 mit vereinten Kräften des Landes Baden-Württemberg, der Stadt Aalen und der Hochschule übernommen werden. Seitdem wurden hier rund 2000 Chemie-Studierende praxisnah in der Messtechnik und in der Radioaktivitätsprüfung ausgebildet, die ein fester Ausbildungsbestandteil im sechsten Semester ist. 

„Das Isotopenlabor ist heute so wichtig wie früher.“

Einer dieser Chemie-Studierenden im 6. Fachsemester ist Alexander Ehrlinspiel. Für die Laboranalyse hat er eine Bodenprobe aus dem heimischen Garten mitgebracht. „Es ist cool, dass man das Wissen aus der Vorlesung im Laborpraktikum direkt in die Anwendung bringen kann. Und es ist ein interessantes und nach wie vor aktuelles Thema“, sagt der Student. Zwar kennt der 25-Jährige Tschernobyl nur aus Erzählungen und Medienberichten, selbst Fukushima ist für ihn „ganz weit weg“. Doch der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der Konflikt im Iran rücken nukleare Risiken wieder ins Bewusstsein. „Das Isotopenlabor ist heute so wichtig wie früher“, betont Flottmann. „Man kann nie wissen, was noch kommt. Deshalb ist es immer gut, vorbereitet zu sein.“ Das sehen auch Dr. Wolfgang Schulz und Silvin Hippich so. Obwohl die beiden eigentlich schon längst in Rente sind, stehen sie trotzdem nach wie vor jeden Freitagnachmittag mit großer Leidenschaft im Isotopenlabor. „Es ist einfach sinnstiftend, wenn man den Studierenden etwas zeigen kann. Außerdem gehöre ich schon zum Mobiliar“, schmunzelt Hippich. Und Schulz fügt hinzu: „Im Garten Tomaten zu züchten, das ist nichts für mich. Da analysiere ich lieber eine Tomate im Isotopenlabor.“

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