Moderne Wertschöpfungsketten sind heute von starken Schwankungen geprägt: Materialien treffen verspätet ein, die Qualität ist unterschiedlich, Fachkräfte fehlen, die Nachfrage ist wechselhaft. Obwohl Betriebe große Datenmengen sammeln, bleiben sie oft zwar datenreich, aber erkenntnisarm. Hier setzt das AXIS-Lab an der Hochschule Aalen an. Es verbindet Data Science mit Operations-Research – der mathematischen Optimierung von Abläufen – um aus Rohdaten konkrete Entscheidungshilfen zu machen. Prof. Dr. Daniel Gartner, der seit dem Wintersemester 2025/2026 Datenwissenschaften an der Hochschule Aalen lehrt, bringt dafür vielfältige Erfahrungen aus dem Gesundheitswesen mit. Dort helfen mathematische Modelle seit Jahren, Notaufnahmen, Operationen und Belegung zu planen – trotz unvorhersehbarer Patientenzahlen und knapper Ressourcen. Diese Logik überträgt das AXIS-Lab nun auf andere Branchen: Aus dem „Patientenpfad“ wird sozusagen ein „Arbeitsauftragspfad“ und aus dem Operationssaal eine Fertigungszelle.
„Daheim war immer Action“
Medizin und Informatik – diese Themen haben Prof. Dr. Daniel Gartner schon als Kind fasziniert. Und damit fällt bei dem gebürtigen Karlsruher der Apfel nicht weit vom Stamm. „Meine Mutter arbeitete in einem Architekturbüro für Krankenhäuser, mein Vater hat die IT-Abteilung des Städtischen Klinikums Karlsruhe geleitet. Er hat sich auch dafür begeistert, wie sich mit Informatik der Klinikalltag verbessern ließ – von schneller verfügbaren Patientendaten bis hin zu effizienteren Gehaltsabrechnungen“, erzählt der 45-Jährige. Hin und wieder brachte sein Vater alte, ausrangierte Apple III mit nach Hause, die Gartner neugierig auseinandernahm oder mit denen er erste Tabellenkalkulationen unternahm. Der väterliche Computer wurde ebenfalls nicht verschont: Beim Runterladen von Spielen oder dem Austausch von Disketten handelten er und sein Bruder sich auch mal einen Boot-Virus ein, der den Rechner lahmlegte und den Eltern eine ziemlich teure Reparatur bescherte. „Das war schon ein bisschen stressig. Daheim war jedenfalls immer Action“, erinnert er sich lachend.
Mathematischen Modellierungen im Gesundheitsbereich
So war es für Gartner schnell klar, dass er nach seinem Abitur den Weg in die Medizinische Informatik einschlagen würde. Nach seinem Studium an der Universität Heidelberg promovierte er in Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität München und setzte sich bereits damals mit maschinellem Lernen und mathematischen Modellierungen im Gesundheitsbereich auseinander. Sein Postdoktorat absolvierte er an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh (USA), die sich international insbesondere mit ihrer School of Computer Science als Spitzenuniversität etabliert hat.
Von den USA nach Großbritannien
Auf die Vereinigten Staaten folgte das Vereinigte Königreich: An der Cardiff University in Wales übernahm Gartner eine „Researcher in Residence“ Juniorprofessur. Dies bedeutet, dass er zu 50 Prozent als mathematischer Modellierer beim National Health Service (NHS) Wales angestellt war. „Diese Kombination war toll. Ich konnte mein Forschungswissen direkt im Alltag des Gesundheitswesens einsetzen und sehen, welchen konkreten Unterschied mathematische Modelle machen können – von besseren Transportplänen für Patientinnen und Patienten bis hin zu belastbaren Schichtplänen für die Notaufnahme.“
„Die Professur für Datenwissenschaft ist ein absoluter Glückstreffer“
In Wales begeisterten Gartner nicht nur seine Aufgaben beim NHS und an der Universität, sondern auch die Mentalität der Menschen: eine Mischung aus Höflichkeit, Gelassenheit und einem herzlichen, oft humorvollen Miteinander – bis hin zur berühmten Geduld beim Schlange stehen. Nach fast zehn Jahren in Großbritannien – inzwischen als „Full Professor“ – zog es Gartner, seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder aber auch aus familiären Gründen wieder zurück nach Deutschland. „Ich habe immer mal wieder die Augen offengehalten – dass ich im vergangenen Herbst auf die Professur für Datenwissenschaft an die forschungsstarke Hochschule Aalen berufen wurde, war ein absoluter Glückstreffer. Hier passt einfach alles!“, freut sich Gartner. „Mögliche Kooperationen mit dem Ostalb-Klinikum, die Vernetzung mit der Industrie in der Region, die interdisziplinäre Zusammenarbeit – das sind tolle Rahmenbedingungen für meine Forschung.“
Digitaler Prozesszwilling
Dass er beim Aufbau des neuen AXIS-Labors durch das EXPLOR-Programm der Abtsgmünder Stiftung Kessler + Co. für Bildung und Kultur in Höhe von 50.000 Euro unterstützt wird, empfindet Gartner als großes Geschenk. Neben der Erstellung eines digitalen Prozesszwillings – eine Art Flugsimulator für Unternehmensprozesse – liegt ein besonderer Fokus auf erklärbarer Künstlicher Intelligenz (Explainable AI). Die Empfehlungen des Systems sollen nachvollziehbar sein. „Wir wollen keine Black Box, sondern Entscheidungen, die Menschen verstehen und mittragen können“, betont der Wissenschaftler. Mit dem AXIS-Lab möchte er den Forschungsschwerpunkt „Digitale Transformation und intelligente Fertigungssysteme“ an der Hochschule Aalen stärken und das Labor langfristig als Knotenpunkt für resiliente Systeme in Ostwürttemberg etablieren. Dafür arbeitet er in Forschung und Lehre eng mit der Wirtschaftsinformatik und dem Wirtschaftsingenieurwesen zusammen. Eine besondere Kooperation besteht mit dem RePAIR Lab von Prof. Dr. Nicole Stricker, Prof. Dr. Doris Aschenbrenner und Prof. Dr. Martin Heckmann, das zu Kreislaufwirtschaft und Reparaturprozessen forscht.
Internationale Forschungserfahrung und Einradhockey
Doch nun steht erstmal der Umzug von Cardiff in den Ostalbkreis an, wo gerade das neue Haus entsteht. Was Gartner außer seiner internationalen Forschungserfahrung aus Cardiff mitbringt? Neben seiner Begeisterung für die zerklüftete, walisische Küste, die poetische Sprache sowie die imposanten Burgen und Schlösser auf jeden Fall sein großes Hobby: Einradhockey. Den Radfahrverein Lorch, der auch Kunst- und Einradfahren anbietet, hat er bereits ausfindig gemacht. Nur die Kombination mit Hockey, für die es sogar Weltmeisterschaften gibt, fehlt noch. „Wahrscheinlich muss ich das hier einfach selbst gründen“, sagt Gartner und lacht. „Aber das mache ich gern.“
Foto: Zwischen Datenmodellen und Einradhockey: Prof. Dr. Daniel Gartner lehrt und forscht an der Hochschule Aalen – und bringt internationale Forschungserfahrung sowie außergewöhnliche Hobbys nach Ostwürttemberg mit.
Fotohinweis: © Hochschule Aalen | Saskia Stüven-Kazi