Ein Klick und die Verbindung steht. Michael Scherdel erscheint auf dem Bildschirm, hinter ihm hängt an der Wand eine große Weltkarte, in der lauter bunte Nadeln stecken. „Meine Kitesurf-Karte. Die Nadeln zeigen, wo ich überall schon gewesen bin“, sagt der junge Mann fröhlich. Neben ihm steht ein 3D-Drucker, mit dem er an Bauteilen für die maritime Mobilität von morgen tüftelt. Und diese beiden Dinge fassen schon bestens die Interessen von Michael Scherdel zusammen, der sich für leichte, geradezu luftige Fortbewegung in all ihren Facetten interessiert.
Surfer-Lifestyle muss warten
Vor wenigen Monaten hat er an der Hochschule Aalen seinen Forschungsmaster „Advanced Materials and Manufacturing“ abgeschlossen – und sozusagen den Sprung vom Hörsaal direkt in den Maschinenraum eines Start-ups für elektrische Yacht-Antriebe geschafft. „Eigentlich hat es mich nach meinem Abschluss erstmal rausgezogen, in der großen, weiten Welt ein paar Abenteuer erleben. Den Surfer-Lifestyle ausprobieren“, flachst Scherdel. Doch diese Rechnung hatte er ohne seinen ehemaligen Kommilitonen Jonas Bareiß gemacht. Als Gründer des Unternehmens „CristobalPower“ holte er Scherdel im wahrsten Sinne des Wortes mit ins Boot. Denn das Start-up aus Schwäbisch Gmünd hat sich der elektrischen Zukunft des Yachtsports verschrieben, der eine emissionsfreie und geräuschlose Fahrt mit unbegrenzter Reichweite verspricht.
Von Agadir nach Antigua
Abenteuer hat Michael Scherdel damit jetzt sozusagen auf geschäftlicher Basis. Erst kürzlich war er Teil einer Crew, die einen elektrisch angetriebenen Katamaran mit einem Kite-System vom marokkanischen Agadir über den Atlantik nach Antigua in der Karibik brachte. „Das war natürlich ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Wir haben sogar Goldmakrelen gefangen. Ich habe noch nie so guten frischen Fisch gegessen“, schwärmt der 32-Jährige. Auch derzeit ist Scherdel wieder auf Achse. Diesmal an der Westküste der USA, in Seattle, wo er sechs Wochen lang mit seinen Kollegen für den „Refit“ einer Solar-Yacht zuständig ist – also einer umfassenden Modernisierung und technischen Aufrüstung. Deshalb konnte er leider auch nicht persönlich bei der feierlichen Übergabe des Hochschulpreises der Sparkassenstiftung Ostalb dabei sein, sondern wurde per Live-Stream zugeschaltet. „Ich habe mir den Preis dadurch verdient, ein nachhaltiges und klimaschonendes Material zu entwickeln. Da wäre es nicht gerade klimafreundlich, nur für ein paar Stunden aus den USA nach Deutschland und wieder zurückzufliegen“, sagt Scherdel.
Leichtere Bauteile für die Mobilität der Zukunft
Für „Außenstehende“ trägt seine preiswürdige Masterarbeit den nicht ganz leicht verständlichen Titel „Herstellung und Charakterisierung von Flachs-BioEpoxy-Verbundwerkstoffen mittels Resin Transfer Molding“. In ihr beschäftigt sich Michael Scherdel damit, wie man aus Naturfasern – konkret Flachs – und einem speziellen, biobasierten Harz neue, leichtere Werkstoffe herstellen kann. Vereinfacht gesagt: Er hat eine Art „Faser-Textil“ aus Flachspflanzen mit einem flüssigen Kunstharz kombiniert. Mit einem Verfahren, bei dem das Harz unter Druck in die Fasern gepresst wird, entstehen daraus feste Bauteile – also ein Verbundwerkstoff. Anschließend hat Scherdel die Bauteile aus dem neuartigen Material genau untersucht: Wie stabil sind sie? Wie verhalten sie sich unter Belastung? Damit leistet er einen Beitrag dazu, in Zukunft umweltfreundlichere, leichtere Bauteile herzustellen – etwa für den Fahrzeug- oder Bootsbau.
Eine glatte 1,0 und den Hochschulpreis der Sparkassenstiftung
„An diesem Material zu forschen, war eine super interessante, aber auch ziemlich anstrengende Zeit“, sagt Michael Scherdel. Ein großes Dankeschön gebühre hier auch seiner Familie und vor allem seiner betreuenden Professorin Dr. Iman Taha, die ihn immer unterstützt hätten. Dass er jetzt für seine Abschlussarbeit – für die er eine glatte 1,0 bekommen hat – nun auch noch mit dem Hochschulpreis der Sparkassenstiftung Ostalb ausgezeichnet wird, freut den gebürtigen Starnberger sehr. „Das ist natürlich das i-Tüpfelchen“, sagt Scherdel.
Leidenschaftlicher Segelflieger
Von Computern, Simulation und cleveren Konstruktionen mithilfe von Leichtkompositen hat sich der junge Mann mit den dunklen Haaren und dem Vollbart schon als Jugendlicher interessiert. Scherdel kommt aus einer Pilotenfamilie. Er ist mit der Fliegerei aufgewachsen und hat mit 14 Jahren das Segelfliegen angefangen. „Das ist natürlich auch mit Engagement im Segelflugverein verbunden. Beim Warten und Instandhalten entwickelt man ein technisches Verständnis.“ Nach seinem Schulabschluss machte Scherdel eine Ausbildung zum Leichtflugzeugbauer, wollte aber noch tiefer in die Theorie einsteigen. Er entschied sich für ein Maschinenbaustudium mit dem Schwerpunkt Produktentwicklung und Simulation (heute: Maschinenbau / Entwicklung: Design und Simulation) an der Hochschule Aalen. Anschließend sattelte er den Forschungsmaster „Advanced Materials and Manufacturing“ drauf.
Ein ziemlich cooler Job
Und da Scherdel auch wieder praktisch tüfteln wollte, ist er beim E-Motion Rennteam der Hochschule Aalen eingestiegen. „Ich kann nur jedem Studierenden empfehlen, da mitzumachen. Man lernt unglaublich viel und es macht riesigen Spaß. Jede Saison einen Rennwagen auf die Beine zu stellen, das ist einfach der Hammer!“, sagt Scherdel begeistert. Und manchmal legt man damit auch schon die Weichen für die berufliche Zukunft – schließlich kennen sich „ChristobalPower“-Gründer Jonas Bareiß und Michael Scherdel von ihrer gemeinsamen Zeit beim E-Motion Rennteam. Aktuell sind sie dabei, ein Tragflügelboot zu entwickeln, das mit einem elektrischen Antrieb ergänzt werden soll. „Das ist jetzt eine wunderbare Symbiose“, freut sich Scherdel. Denn hier komme alles zusammen, was ihn an Mobilität interessiere – die Flügel, das Schweben, die Bewegung auf dem Wasser, die nachhaltige Fortbewegung. Ein ziemlich cooler Job, findet der Ingenieur. „Das mit dem Rausziehen nach der Masterarbeit ist zwar ein bisschen anders gelaufen als geplant, aber so klappt das definitiv auch sehr gut“, sagt Scherdel und strahlt bis über beide Ohren.