Frühmorgens ins Schlachthaus fahren, um Organe zum Sezieren zu besorgen? Nach der Nachtschicht inklusive OP um acht Uhr morgens im Hörsaal stehen? Abends anschließend die Vorlesungen vorbereiten? Wer sich mit Prof. Dr. Sarah Gentner-Röhrer unterhält, der stellt sich ziemlich schnell die Frage, wie viele Stunden ihr Tag – und natürlich auch ihre Nacht – hat. Eigentlich müssten es deutlich mehr als 24 sein. „Ein gutes Zeitmanagement ist tatsächlich unerlässlich“, sagt die zierliche Frau mit den dunkelbraunen Haaren fröhlich, „und man muss für seinen Beruf brennen, sonst kann man die Energie nicht aufbringen.“ Dass die Freude an der Arbeit sie antreibt, ist aus jedem ihrer Sätze zu spüren. „Ich lehre sehr gerne, aber ich arbeite auch mit großer Leidenschaft klinisch. Mit der ‚Shared Professorship‘ kann ich nun das Beste von beiden Welten vereinen!“, sagt Gentner-Röhrer und ihre Augen strahlen dabei.
Mit einem Abitur von 1,0 in der Tasche studierte Sarah Gentner-Röhrer anschließend an der Universität Ulm Medizin – mit dem Ziel, Kinderärztin werden. Doch als die gebürtige Ellwangerin zu Beginn ihres Studiums ihr erstes Pflegepraktikum in der Chirurgie der St. Anna-Virngrund-Klinik absolvierte, fand sie ziemlich schnell Gefallen an einem operativen Fach. „Das war damals eine tolle Erfahrung. Das Team hat mich sehr viel machen lassen. Ich durfte mit in den OP, das war unglaublich spannend. Und man sieht schnell Ergebnisse“, so Gentner-Röhrer. Die Liebe zum Spezialgebiet der Gefäßchirurgie, das sich mit Erkrankungen und Störungen der Blutgefäße befasst, hat sie schließlich während mehrerer Praktika am Universitätsklinikum Ulm entwickelt. Die Gefäßchirurgie sei ein faszinierendes und abwechslungsreiches Fach, das handwerkliches Geschick, Präzision und Geduld erfordere.
„Die Therapie verengter, geschädigter oder erweiterter Gefäße zielt darauf ab, Lebensqualität zu verbessern, Amputationen oder Schlaganfälle zu verhindern und in Notfallsituationen Leben zu retten“, erläutert die Medizinerin. Im OP treffe präzises Handwerk auf Hightech-Medizin: Gefäßveränderungen können durch Gefäßprothesen ersetzt werden oder mittels Kathetern und Stents über kleinste Zugänge „von innen“ therapiert werden. Gleichzeitig ist die Gefäßchirurgie ein Knotenpunkt vieler Disziplinen – von der Inneren Medizin über die Radiologie bis hin zur Dermatologie – und verlangt den Blick auf den ganzen Menschen. „Das interdisziplinäre Arbeiten schätze ich sehr – gemeinsam Lösungen zu finden, um für die Patientinnen und Patienten eine optimale Therapie sicherzustellen, ist für mich ein Gewinn!“, sagt Gentner-Röhrer. 2018 schloss sie ihre Weiterbildung zur Fachärztin für Gefäßchirurgie ab und wurde bereits einen Monat später – mit nur 32 Jahren – zur Oberärztin ernannt.
Während eines USA-Urlaubs im Sommer 2022 las Sarah Gentner-Röhrer zufällig in der Zeitung, dass an der Hochschule Aalen der gemeinsam mit dem Ostalbkreis und den Kliniken Ostalb initiierte Studiengang „Physician Assistant“ startet. „Da wusste ich sofort, dass ich mich initiativ als wissenschaftliche Lehrbeauftragte bewerben möchte.“ Zu dieser Zeit hatte die Medizinerin bereits einige Jahre mit Physician Assistants zusammengearbeitet und sehr positive Erfahrungen gemacht. Diese akademisch ausgebildeten Assistenten unterstützen und entlasten Ärztinnen und Ärzte bei medizinischen Aufgaben wie beispielsweise Anamnesen und körperlichen Untersuchungen, vorbereitenden Maßnahmen vor einer Operation, Dokumentation der Befunde oder Koordination der Abläufe. Damit sind Physician Assistants ein wichtiges Bindeglied zwischen Ärzteteam, Pflegekräften, Therapeuten und Patienten. 2023 startete Sarah Gentner-Röhrer dann – parallel zu ihrem herausfordernden Klinikalltag – als erste Lehrbeauftragte für Chirurgie an der Hochschule Aalen. „Die Kombination war einfach perfekt, denn die Lehre macht mir wahnsinnig viel Spaß.“
Dass sie jetzt seit dem Wintersemester 2025/26 mit der „Shared Professorship“ verstärkt in die Lehre einsteigen konnte, freut Sarah Gentner-Röhrer sehr: „ Ich möchte die Begeisterung an der Medizin weitergeben, Verknüpfungen herstellen zwischen dem theoretischen Wissen und meinen Erfahrungen und Erlebnissen, die ich aus der Praxis mitbringe.“ Im vergangenen Jahr habe es in ihrem Anatomie-Kurs noch einiges Stöhnen über die Fülle des Lernstoffs gegeben, erzählt die Professorin schmunzelnd. Doch sie habe ihre Studierenden ermutigt, trotzdem dranzubleiben – denn dieses Wissen zahle sich aus. „Nur wer die Anatomie wirklich verstanden hat, erkennt auch im Ultraschall, was er sieht“, sagt sie mit Blick auf ihren aktuellen Sonographie-Kurs und fügt hinzu: „Das ‚Über-den-Tellerrand-schauen‘ ist unglaublich wichtig. Meine Studierenden sollen Weitblick bekommen!“
Für diesen Weitblick nimmt Sarah Gentner-Röhrer ihre Studentinnen und Studenten auch gerne mit in das sogenannte Skills Lab – einen realitätsnah nachgebauten Übungsraum, wo die Studierenden praktische Handgriffe, Notfälle und Patientengespräche trainieren können – oder auch in den OP-Saal. „Der Praxisbezug ist mir sehr wichtig, damit die Studierenden die Theorie direkt am Patienten wiedererkennen. Und ich kann ihnen natürlich noch ein bisschen anschaulicher meine Begeisterung für die Chirurgie vermitteln. Denn Operieren ist eigentlich ein bisschen wie Tanzen – eine eingespielte Choreographie, bei der alle am OP-Tisch aufeinander abgestimmt sind.“ Überhaupt ist der 40-Jährigen die Nähe und Interaktion mit ihren Studierenden wichtig, ebenso wie das „auf Augenhöhe sein“. Nach jeder ihrer Veranstaltungen lässt sie sich Feedback geben. „Da ziehe ich sehr viel draus – ich habe Vorlesungen schon komplett umgeschmissen. Konstruktive Vorschläge nehme ich gerne an“, sagt Gentner-Röhrer, die immer auch den Lernerfolg des einzelnen Studierenden im Blick hat und sich Zeit für eine zielgerichtete, individuelle Unterstützung nimmt. Mit das Wichtigste in ihrer Arbeit mit den Studierenden sei aber, „dass der Begeisterungsfunke überspringt“. Dass ihr das mit ihrer offenen Art, der Freude am Austausch und ihrer Bereitschaft, Lehre immer wieder neu zu denken, bestens gelingt, zeigt ihre Auszeichnung mit dem Lehrpreis der Hochschule Aalen. Denn über dessen Vergabe bestimmen auch studentische Vertreterinnen und Vertreter mit.
„Das war eine tolle Überraschung und spornt mich auch weiter an“, freut sich Gentner-Röhrer, die als Ausgleich zu ihrem Arbeitsalltag an Hochschule und Klinik ihre größte Freude und Kraftquelle in der gemeinsamen Zeit mit ihrer knapp zweijährigen Tochter, die für sie die höchste Priorität hat, und ihrer Familie findet. Gerne verbringt sie die gemeinsame Zeit mit ihrer Familie in der Natur – sei es auf dem Rennrad oder beim Wandern – am liebsten auf die Seiser Alm in Südtirol. „Mein Seelenort. Wenn ich da oben bin, eröffnet sich mir eine neue Perspektive, ich lasse den Alltag hinter mir und tauche in eine andere Welt ein“, sagt die Gefäßchirurgin und fügt lachend hinzu: „Dort tanke ich neue Energie – auch für den nächsten Nachtdienst und die nächste Vorlesung.“