Physician Assistants sollen Ärztinnen und Ärzte unterstützenHochschule Aalen, Kliniken Ostalb und Landratsamt Ostalbkreis initiieren neues medizinisches Studienangebot

Prof. Dr. Harald Riegel (von links), Rektor der Hochschule Aalen, Prof. Dr. Ulrich Solzbach, Vorstandsvorsitzender der Ostalb Kliniken, Dr. Joachim Bläse, Landrat des Ostalbkreises und Prof. Dr. Andreas Ladurner, Gründungsbeauftragter der Hochschule Aalen für den neuen Studiengang Physician Assistant. Fotohinweis: Hochschule Aalen | Tim Burkhardt

Th, 12. May 2022

Der Ärztemangel nimmt immer weiter zu, auch Pflegekräfte werden händeringend gesucht. Das Problem wird sich in Zukunft noch verstärken. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, ergreifen die Hochschule Aalen, der Ostalbkreis sowie die Kliniken Ostalb gemeinsam die Initiative: Zum Wintersemester 2022/23 startet das neue Studienprogramm Physician Assistant (Arztassistenz) an der Hochschule Aalen. Die praktische Ausbildung findet in den Kliniken Ostalb statt. Im Interview erklären Landrat Dr. Joachim Bläse, Prof. Dr. Harald Riegel, Rektor der Hochschule Aalen, Prof. Dr. Andreas Ladurner, Gründungsbeauftragter und Studiendekan für den Studienbereich Gesundheitsmanagement an der Hochschule Aalen, und Prof. Dr. Ulrich Solzbach, Vorstandsvorsitzender der Kliniken Ostalb, was es mit dem neuen Angebot auf sich hat, wie das Studium abläuft und wie es der Region nutzen wird.

Warum ist es der Hochschule Aalen wichtig, ihr Angebot im Gesundheitsmanagement weiter auszubauen?

Prof. Riegel: Wir sind eine Hochschule für die Region und übernehmen gesellschaftliche Verantwortung. Wir haben im gesamten Gesundheitssystem einen Mangel an qualifiziertem Personal. Mit unserem neuen Studienangebot bilden wir Fachkräfte in einem modernen und hochattraktiven Berufsbild aus, sowohl für Kliniken als auch für Medizinische Versorgungszentren und Praxen. Für uns als Hochschule ist der Studiengang auch eine gute Möglichkeit, den Frauenanteil zu erhöhen, da wir die Erfahrung gemacht haben, dass wir mit unseren Angeboten im Gesundheitsbereich viele Frauen ansprechen, die sonst vielleicht kein passendes Studienangebot an der Hochschule gefunden hätten.

Was macht ein Physician Assistant?

Prof. Ladurner: Physician Assistant ist ein Gesundheitsberuf, der Ärztinnen und Ärzte entlastet und unterstützt. In Deutschland ist das ein recht neues Berufsbild, das es in den USA schon länger gibt und das sich jetzt auch bei uns etabliert. Physician Assistant ist ein sehr vielseitiger Beruf: Nach dem Studium können Physician Assistant in allen Gesundheitsbereichen arbeiten, zum Beispiel in der Notfallversorgung, im OP oder in Hausarztpraxen.

Was ist der Unterschied zu einem Arzt und wie können Physician Assistant in der medizinischen Versorgung unterstützen? 

Prof. Solzbach: Das Studium ist ähnlich aufgebaut wie ein Medizinstudium und umfasst viele Module davon. Die späteren Tätigkeiten liegen zwischen einer Pflegekraft und einem Arzt. Ein Physician Assistant ersetzt diese aber nicht, sondern unterstützt sie. Es handelt sich um einen zusätzlichen Mitarbeitenden, der dabei hilft, den Fachkräftemangel zu bekämpfen und zum Beispiel Anamnesen durchführt, Blut abnimmt oder Prozesse dokumentiert. Es ist ein sehr attraktiver Beruf, für den wir die Menschen begeistern wollen. Damit wäre allen – von den Kliniken bis zur Hausarztpraxis – geholfen. Gerade auch bei uns in den Kliniken Ostalb wäre das eine tolle Unterstützung. Im optimalen Fall hätten die Ärzte dann auch wieder mehr Zeit für die Patienten und ihre Bedürfnisse.

Was sind die Inhalte des Studiums? Wo findet die praktische Ausbildung statt? 

Prof. Ladurner: Das Studium umfasst die klassischen medizinisch-theoretischen Fächer wie Physiologie, Pathologie und Pharmakologie. Dazu kommen die klassischen praktischen Fächer wie Untersuchungsmethoden in der Chirurgie oder Inneren Medizin. Und ein Kennenlernen von Spezialgebieten wie beispielsweise Dermatologie oder Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Der Lehrplan hält sich da an die Vorgaben der Bundesärztekammer. Zusätzlich gibt es bei uns an der Hochschule Aalen noch Highlights wie klinische Psychologie, Gender-Medizin oder Public Health. Schließlich wird dies ergänzt durch Medizinmanagement oder Fächer wie medizinische Fachsprache, Dokumentation oder E-Health. Alle theoretischen Teile finden an der Hochschule statt, die praktischen Teile bei unserem Kooperationspartner, den Kliniken Ostalb. Die Verzahnung ist da sehr eng.

Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und den Kliniken Ostalb? 

Prof. Solzbach: Es ist wichtig, dass die Studierenden möglichst früh den klinischen Alltag kennenlernen. Ähnlich wie im Praktischen Jahr nach dem Medizinstudium, müssen sie in Praktika in den verschiedenen Abteilungen der Kliniken Erfahrungen sammeln. Außerdem haben wir viele Ärztinnen und Ärzte, die als Lehrbeauftragte an der Hochschule Vorlesungen halten können. Das ist eine Win-Win-Situation.

Prof. Riegel: Statt sieben Semester dauert das Studium zum Physician Assistant acht Semester. Das liegt daran, dass der Praxisanteil nochmal höher ist als bei unseren anderen Studiengängen. Jedes Semester hat einen zusätzlichen Praxisanteil, bei dem die Studierenden in den Kliniken Ostalb tätig sind. Die Kliniken Ostalb liegen in Laufweite der Hochschule. Von dieser Nähe können beide Seiten nur profitieren und diesen Vorteil wollen wir nutzen. Zusätzlich zu den Ärztinnen und Ärzten, die bei uns als Lehrende eingesetzt werden können, wollen wir gemeinsam mit dem Landkreis sogenannte Shared Professorships ermöglichen, die sowohl in den Kliniken Ostalb arbeiten als auch bei uns an der Hochschule unterrichten.

Welche Bedeutung hat das neue Studienangebot für den Landkreis? 

Dr. Bläse: Für uns als Landkreis ist der neue Studiengang wichtig, weil es zum einen um die Zukunftsfähigkeit des Ostalbkreises geht. Dazu gehört eine hervorragende Hochschule mit innovativen Studienangeboten. Der Gesundheitsbereich ist da ein wichtiges Profilelement für die Zukunft. Umso mehr freut es mich, dass die Hochschule Aalen diese Entwicklung vorantreibt und neue Themenfelder bespielt. Zum anderen ist die zukünftige ärztliche Versorgung eine große Herausforderung für den Landkreis. In diesen Berufsfeldern ringen wir massiv um junge Menschen. Und die Erfahrung zeigt, dass jemand, der hier ausgebildet wurde oder schon einmal gearbeitet hat, auch gerne bleibt. Diese Verbindungen wollen wir aktiv fördern.

Können Physician Assistants den Mangel an Ärztinnen und Ärzten kompensieren?

Dr. Bläse: Wir brauchen viele Mosaiksteine, um die Gesamtherausforderung der gesundheitlichen Versorgung der Zukunft anzugehen. Ein Berufsbild wie der Physician Assistant hat da bislang gefehlt und ist aufgrund der Akademisierung für junge Menschen sehr interessant. Wenn wir die Fachkräfte bereits in der Region ausbilden können, ist das ein großer Pluspunkt, der uns auf jeden Fall helfen wird.

Welche Voraussetzungen müssen Bewerberinnen und Bewerber mitbringen?

Prof. Ladurner: Das Studium zum Physician Assistant ist eine tolle Möglichkeit z. B. für Abiturienten oder Fachabiturienten, die sich für das Thema Medizin interessieren. Eine vorhergehende abgeschlossene Berufsausbildung ist nicht notwendig. Natürlich sind aber auch Bewerberinnen und Bewerber mit einer pflegerischen Berufsausbildung herzlich willkommen, die jetzt noch ein Studium draufsetzen möchten. Oder Interessenten, die gerne in den medizinischen Bereich möchten. Zum Start werden wir 24 Studienplätze anbieten; das Angebot wollen wir dann in den nächsten in den nächsten Jahren weiter ausbauen. Interessenten können sich ab sofort bewerben.