Jahr: 2022
Kategorie: Masterarbeit
Ersteller: Marion Pfleger
Erstbetreuer: Prof. Dr. Anna Nagl
Zweitbetreuer: Dr. Gregor Pfaff, Gesellschaft für Haltungs- und Bewegungsforschung
Zweitbetreuer: Isabel Neidhart
Abstract
Ist interdisziplinäre Optometrie, die auf einer ursachenorientierten Diagnostik und anschließenden Behandlung und Therapie basiert, für das Wohlbefinden der Patienten unerlässlich? Diese Frage soll in der Analyse der Grundkompetenzen der interdisziplinären Optometrie beantwortet werden. Die unterschiedlichsten medizinischen Fachgebiete und deren Spezialisten bilden die moderne Basis der Medizin, die in der Diagnostik und Nachsorge sowie in Therapien eine ursachenbezogene, patientenorientierte Versorgung umfassen.
Die vorliegende Arbeit besteht aus zwei Teilen, die fachspezifischen Inhalte sollen mittels Literaturrecherche vermittelt werden, ergänzt durch die Ausarbeitungen eines methodisch-didaktischen Ansatzes und die Formulierung der Ziele bei der Gestaltung eines Moduls für Studierende in einem Masterstudiengang.
Umfangreiche Literaturrecherchen zeigen die Zusammenhänge verschiedenster Ursachen und deren Kontext zur Optometrie auf. Es gibt verschiedene Einflüsse auf Sehstörungen, die symptombezogen und kausal behandelt werden müssen. Von der Korrelation von Körperhaltung und Sehproblemen, der Beeinflussung des binokularen Sehens durch instabile Fußstellung beim Gehen in natürlichem Gelände, der effizienten Behandlung von Schwindel, dem Zusammenspiel von visuellem und stomatognathem System, dem erhöhten Risiko eines Netzhautarterienverschlusses bei Migränepatienten, der Erkennung von Multipler Sklerose, dem Computer Vision Syndrom (CVS), mitochondrialen Einflüssen, die bei Astronauten untersucht wurden, bis hin zu Einflüssen in der Neurorehabilitation oder auch muskuloskelettalen Erkrankungen, all dies kann am Auge gesehen werden oder Symptome im visuellen System zeigen. Dabei ist dies nur ein kleiner Auszug aus den verschiedenen Bereichen, die in der Literatur behandelt werden. Das Organ Auge und die Sehfunktion werden durch angeborene, genetische und erworbene Faktoren beeinflusst. Diese Einflüsse können sich auf klinischer Ebene in Form von Störungen zeigen oder sich in ihrer funktionellen Einschränkung äußern. Zu den verschiedenen Einflüssen gehören beispielsweise system- und augenspezifische Erkrankungen, endogene und exogene Einflüsse, muskuloskelettale und psychogene Probleme. Die weltweit verbreiteten und in ihrer Prognose zunehmenden Systemerkrankungen bestätigen die Notwendigkeit, diesen Zusammenhängen Beachtung zu schenken.
Neben dem Literaturstudium können die in der Praxis gesammelten Erfahrungen, die in Fallstudien dargestellt werden, dazu dienen, die Theorie mit der praktischen Anwendung zu verbinden. Als interessantes Beispiel wird ein Fall des Benson-Syndroms, einer seltenen visuellen Alzheimer-Krankheit, vorgestellt. Der Fall verdeutlicht nicht nur, wie wichtig es ist, die Wirkungsweise von Medikamenten zu verstehen, sondern auch, wie wichtig und effizient die Zusammenarbeit von Augenärzten, Neurologen, Allgemeinmedizinern und Optometristen sein kann.
Um die Grundkenntnisse der Neurologie (Neuroanatomie, Neurophysiologie) und die Zusammenhänge aus physikalischer Sicht greifbar zu machen, werden im vorzubereitenden Modul die Kenntnisse der grundlegenden Neuroanatomie mit Neurophysiologie des Vestibulums, der sensomotorischen und Kopfsteuerung sowie der Muskelfunktionsketten vermittelt.
Um das Verständnis und die Interpretation der Untersuchungen (insbesondere im neurologischen Bereich) und der Untersuchungsergebnisse, beschrieben in der Patientenakte, zu verbessern, werden Basistests dieser speziellen Bereiche vermittelt. Ergänzt durch ausgewählte Tests nach den Erfahrungen und Erkenntnissen der Gesellschaft für Haltungs- und Bewegungsforschung aus München, die dieses interdisziplinäre Zusammenspiel seit vielen Jahren erforscht, bildet dies die Grundlage für ein gutes Testkonzept für alle vorgestellten Bereiche, das in der täglichen Praxis umgesetzt werden kann.
Umfassenderes Wissen, optimierte Diagnostik, personalisierte Therapie und Pflege können als vorteilhaft angesehen werden, auch wenn sie durch unterschiedliche Regelungen, Zuständigkeiten, apparative Diagnosemöglichkeiten oder rechtliche Aspekte eingeschränkt sein können. Eine interprofessionelle Zusammenarbeit in Diagnostik und Pflege ist daher unabdingbar. Da sich das medizinische Wissen ständig weiterentwickelt, ist eine ständige Forschung auf dem Gebiet der menschlichen Zusammenhänge unerlässlich. Weil die Einflüsse auf die Funktionen und die Anatomie des Auges aus verschiedenen Bereichen kommen, sind den Forschungsansätzen keine Grenzen gesetzt.
Ein Beitrag zur Vertiefung und Weitergabe dieses Wissens kann sowohl durch die tägliche Arbeit und Erfahrung als auch durch den Austausch über verschiedene Netzwerke geleistet werden. In dem Wissen, dass das Auge kein isoliertes System ist und um Zusammenhänge erkennen und Schlussfolgerungen ziehen zu können, ist umfangreiches, interdisziplinäres Fachwissen notwendig. Die persönlichen Fähigkeiten müssen wachsen, um verwandte Themen besser zu verstehen und wahrzunehmen oder zu interpretieren.
Die Antwort auf die Ausgangsfrage lautet zunächst: Interdisziplinäre Optometrie ist nicht zwingend notwendig, aber aufgrund der unterschiedlichen Ursachen ist davon auszugehen, dass interdisziplinäre Therapieansätze einen äußerst positiven Einfluss auf die Gesundheit und damit das Wohlbefinden des Patienten haben.