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Hochschul-Professor veröffentlicht sein zehntes Lehrbuch Prof. Dr. Jürgen Stiefl will sich nach 18 Jahren Lehrtätigkeit wieder stärker der Forschung widmen

Di, 29. Mai 2018

Sie haben vor kurzem mit der dritten Auflage des Buches „Wirtschaftsstatistik“ das insgesamt zehnte Lehrbuch herausgebracht. Was hat Sie zu dieser doch sehr großen Veröffentlichungsliste bewegt?

Prof. Dr. Jürgen Stiefl: Das kann ich sehr einfach erklären. Nach den ersten drei Jahren als Professor, in denen ich erst einmal alle Vorlesungen gut vorbereiten musste, habe ich mir alle Sorgen und Nöte der Studierenden aufgeschrieben. Es waren immer wieder konkrete Fragen wie beispielsweise: „Hat es was mit der Praxis zu tun?“, „Warum so viel Theorie, denn die HTW ist doch praxisorientiert?“ oder schlimmer noch „Ist dieses Gebiet prüfungsrelevant?“. Dabei konnte ich mich selbst wieder an meine sehr theoretische Studienzeit erinnern und habe versucht, diese theoretischen Ansätze mit meiner sehr praktischen Erfahrung zu kombinieren. Deshalb bestehen meine Vorlesungen niemals aus Monologen, da ich die Kenntnisse und den Wissensstand der Studierenden immer wieder erfahren will, sondern immer aus der Verbindung zwischen Theorie, Praxis, Fallstudie und Lösung zu den Fallstudien.


Wenn ich Sie richtig verstanden habe, merken Sie dann in Ihren Vorlesungen immer sehr schnell, wo die Defizite der Studierenden liegen? Dann müssten doch die Beurteilungen der Studenten nach dem Semester Ihnen gegenüber ziemlich gut sein?

Grundsätzlich ja, wobei es natürlich immer kleine Ausreißer gibt. Nachdem ich im Jahr 2009 den Hochschullehrpreis für herausragende Leistungen der HTW Aalen bekommen habe, was mich natürlich sehr gefreut hat, habe ich realisiert, auf einem guten Weg zu sein, um die Studierenden wirklich gut auszubilden.


Das hört sich doch wirklich sehr gut an, obwohl ich mir, um Sie als Statistiker einmal aus der Reserve zu locken, die Frage stellen würde, ob dieser Hochschullehrpreis wirklich repräsentativ ist?

Nein, natürlich ist dieser Preis nicht repräsentativ. Dennoch habe ich dann etwas später in Darmstadt bei der VWA (Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie) die Auszeichnung für herausragende Leistungen bekommen. Und immerhin waren es, ähnlich wie in Aalen, keine Module, bei denen man eine Laola-Welle erzeugt. Waren es in Aalen mit der Wirtschaftsstatistik und dem Finanzmanagement quantitative Fächer, waren es in Darmstadt die Buchführung und die Kosten- und Leistungsrechnung. In Darmstadt saßen teilweise sogar circa 150 Studierende vor mir. Diese muss man erst einmal bei Laune halten.


Sie wirken, obwohl Sie schon 18 Jahre an der HTW Aalen sind, sehr motiviert. Wie erklären Sie das?

Es ist die berühmte Frage, ob zuerst das Huhn oder das Ei da war. Was ich damit sagen will, ist folgendes: Ich habe sicher eine relativ hohe intrinsische Motivation. Ob ich die jetzt durch meinen Ausdauersport bekommen habe, oder diese und damit den Bereich der Forschung und Lehre durch meine innere Motivation, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall gehört es zu meinem Standard, dass ich mir die kommende Woche immer genau plane. Natürlich ist es unrealistisch, dass alles so eintritt. Zumindest aber habe ich eine grobe Vorstellung über meine privaten und beruflichen Ziele. Es gibt ein Zitat, was glaube ich auf Sokrates zurückgeht, was lautet: „Wenn Du glaubst, was Du bist, hast Du aufgehört, etwas zu werden.“


Was genau soll dieses Zitat aussagen?

Wie jedes Zitat kann man es wohl unterschiedlich auslegen. Ich verstehe darunter die persönliche Weiterentwicklung, die man nicht vom Lebensalter abhängig machen sollte. Denn, wenn man sich neue Ziele setzt und diese motiviert angeht, ist man bestimmt ein zufriedener, vielleicht sogar ein glücklicher Mensch. Es setzt natürlich voraus, dass es keine gravierenden familiären und/oder gesundheitliche Tiefschläge gibt.


Sie stellen sich also selbst immer wieder in Frage und versuchen, Ihre Lehre mit Neuerungen und Innovationen zu verbessern?

Ja, so ungefähr, was auch der Grund ist, mich jetzt wieder verstärkt mit dem Bereich der Forschung zu beschäftigen. Hier reizen mich vor allem aber wieder volkswirtschaftliche Themen, was auch meiner ersten Buchveröffentlichung entspricht. So hatte ich in der Zeit meiner Promotion Dank meines Doktorvaters die Möglichkeit, mit ihm, also Prof. Dr. Friedrich L. Sell und Herrn Prof. Dr. Lukas Menkhoff im Journal Asian Economies einen Aufsatz zum optimalen europäischen Währungsgebiet zu veröffentlichen. Das möchte ich, auch aufgrund der meiner Meinung nach nicht nachvollziehbaren Entwicklung der EU, jetzt wieder angehen.


Offensichtlich kritisieren Sie die Europapolitik. Können Sie es etwas konkreter beschreiben? 

Ja, es ist mir klar, dass politische Diskussionen immer einen sehr subjektiven Charakter haben und man sich damit niemals nur Freunde macht. Aber trotzdem will ich es etwas konkreter beschreiben. Anfang der 90er Jahre bestand die Europäische Union aus lediglich 12 bzw. 13 Länder. In unserem Aufsatz „What about optimum currency areas within the EMS? A cost-benefit-analysis“ errechneten wir das optimale europäische Währungsgebiet. Definitiv nicht dazu gehörten aufgrund der sehr unterschiedlichen Inflationsraten Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Auch wenn dieser Aufsatz sehr theorielastig war, behielten wir leider Recht. Betrachten Sie doch bitte einmal die Arbeitslosigkeit und die immensen Probleme, die diese Länder jetzt haben. Also war meiner Meinung nach die Einführung des Euro beispielsweise in Griechenland eine absolute Katastrophe. Hätten die Griechen die Drachme als Währung behalten, hätte die Abwertung gegenüber dem Euro den positiven Effekt, dass griechische Produkt- oder Dienstleistungsexporte sehr viel häufiger und damit besser für die griechische Wirtschaft gewesen wären. Stattdessen fließen, wie man so ganz nebenbei mal durch die Medien erfährt, Milliarden Euro von diversen europäischen Ländern nach Griechenland, um dort den Staatshaushalt zu konsolidieren. Und wir reden zurzeit, wenn überhaupt, lediglich von Griechenland und am Rande vielleicht über Spanien oder Portugal. Was aber ist mit den anderen ungefähr 15 Ländern, die in den letzten Jahren zur EU gekommen sind?“


Sie sind also dafür, dass andere europäische Länder dem Brexit, also dem Austritt Großbritanniens aus der EU folgend sollten?

Nein, das bin ich natürlich nicht, denn wir mussten zum Beispiel keine Weltkriege erleben. Aber man sollte ein optimales Wirtschaftsgebiet und ein optimales Währungsgebiet deutlich voneinander trennen können. Und genau das möchte ich mir in der kommenden Zeit genauer anschauen und erforschen.


Wie man auch an Ihrer Sprache erkennt, kommen Sie nicht aus Baden-Württemberg, sondern aus Hessen. Könnten Sie sich vorstellen, als Professor wieder dort, beispielsweise in Darmstadt, zu lehren?

Natürlich ärgere ich mich manchmal über die recht weiten Wege vom Westerwald nach Aalen, und das damit verbundene Unfallrisiko, fühle mich aber an der HTW Aalen sehr wohl. Es müssten schon konkrete, sehr gute Angebote kommen, um mich zu einem Wechsel zu bewegen.